Christentum und Bildung

Reformatorisches Christentum und Bildung sind untrennbar mitein­ander verbunden. Die Reformation war – auch – eine Bildungs-Revolution. Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, damit alle nachlesen können; er hat sich mit Nachdruck für Schulen eingesetzt, besonders auch dafür, dass Mädchen Zugang zu Bildung bekommen! „Bildung“! Schon im Begriff selber schwingt mit, dass es um etwas zutiefst Religiöses geht, zumindest beim christlichen Bildungsbegriff: „Bildung“ und „Gott-Ebenbildlichkeit“ haben miteinander zu tun. Schon Mystiker haben das so verstanden, umso mehr die Reformation. Bildung führt den Menschen zum Bewusstsein seiner Würde als Gottes Geschöpf. Jeder Mensch ist nach dem Bilde Gottes „gebildet“.

Gebildet sein heißt daher zu allererst: sich seiner Würde bewusst sein. Luther spricht in diesem Zusammenhang von der „Freiheit eines Christenmenschen“: der Mensch als Person verdankt sich der Beziehung zu Gott. Niemand ist menschlichen Bedingungen unterworfen, die sein Dasein rechtfertigen könnten oder müssten. Der Mensch kann handeln, frei nach seinem Gewissen – unabhängig von allen weltlichen Bemächtigungsversuchen.

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Ein Leben ohne feste Heimat

Predigt zum Sonntag Reminiscere

Viele sind schon einmal umgezogen: mit den Eltern, nach der Schule, vor der Hochzeit. Ich selber habe in Salzgitter, in Bethel, in Jerusalem, in Tübingen, in Göttingen, in Celle, in Groß Elbe, in Braunschweig gelebt. Das ist nicht ungewöhnlich. Manche Lebensläufe älterer Menschen hören sich bewegt an: Geboren in Ostpreußen, nach Flucht und Vertreibung in Westfalen eingeschult, später in Niedersachsen aufgewachsen, wo der Vater in der Zwischenzeit Arbeit gefunden hatte. Die Ausbildung, erst recht der Beruf und die eigene Familie führten in wieder andere Orte, manchmal über die Grenzen des eigenen Landes hinaus. Damit ist es nicht zu Ende. Wo bleibt man im Ruhestand? Es gibt für viele keine heimatliche Stadt, in die man zurückkehren könnte. Also überlegt man – und geht dorthin, wo es schön und sonnig ist, vielleicht nach Mallorca. – So etwas gibt es. Ist gar nicht selten. Rentnerkolonien auf den Inseln …

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Berührt – geführt!

Ganz strikt wird sie eingehalten, die Regel: berührt – geführt. Schachspieler lernen das von Anfang an. Erst nachdenken, dann entscheiden, dann anfassen. Mal eben hier den Turm berühren, wieder loslassen, dann die Dame, dann den Bauern, das gibt es nicht. Ziemlich streng erscheint das. Es ist aber hilfreich: ich muss eindeutig zu erkennen geben, was ich will, und mein Gegenüber kann sich darauf einstellen. Das wäre ja auch im „richtigen“ Leben nicht schlecht, vor allem da, wo Menschen sich aufeinander einlassen.

Berührt – geführt. Die beiden Wörter haben einen noch tieferen Sinn. „Berührt“ werden, das hat etwas mit unserem Inneren zu tun. Es gibt anrührende Filmszenen, zu Herzen gehende Schicksale, ergreifende Begegnungen. Und „geführt“ werden hat geradezu einen religiösen Klang: „…er führet mich auf rechter Straße“ heißt es im 23. Psalm von Gott. „Berührt – geführt“: So gesehen ist das keine strikte Regel wie beim Schachspiel. Es ist ein Lebensgefühl, das trägt. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, du bist bei mir“. Zahllose Menschen haben diese Erfahrung gemacht. Sie fühlen sich angerührt von Gott und in ihrem Leben geführt. Schweres hat sie nicht von Gott weggetrieben, sondern sie sind dankbar für die seelischen Kräfte, die ihnen geschenkt werden. Berührt – geführt: Gottes Zusage an uns.

 

Nichts passiert!

Gedanken für die Woche

Sensationell! Gestern wurden in Deutschland siebenundfünfzig Verkehrsunfälle verhindert. Dreiunddreißig Diebstähle kamen nicht zur Ausführung. Mehrere akut drohende Messerstechereien fand im letzten Moment nicht statt. Siebzehn Jugendliche pinselten, anders als beabsichtigt, keine Hassparolen an die Hauswand. Nicht gelesen? Nichts von gehört? Kein Wunder. Es ist ja auch nichts passiert. Der verhinderte Unfall findet nicht statt. Und was nicht stattfindet, darüber kann man nichts sagen. Oder?

Tausende von Menschen um uns herum sorgen täglich dafür, dass das Leben gelingt. Dass das Leitungswasser nicht versiegt. Dass die Ampeln nicht plötzlich ausfallen. Dass die Busse nicht zu spät Winterreifen bekommen. Kurz: dass „nichts“ passiert. Und häufig geht das über die beruflichen Pflichten hinaus. Es gibt unzählige Menschen, die „einfach so“ – oft ehrenamtlich – dafür sorgen, dass „nichts“ passiert. Dass Obdachlose nicht hungrig bleiben und Angriffen nicht schutzlos ausgeliefert sind. Dass Kirchen tagsüber nicht geschlossen bleiben müssen und Besucher nicht auf die großartige Wirkung der Räume verzichten müssen. Dass Menschen mit seelischen Wunden nicht verzweifeln müssen und ihr Leben aufs Spiel setzen.

„Nichts passiert!“ Wie gut! Ohne diese Menschen, von denen wir kaum je etwas sehen oder lesen, gäbe es mehr Schlimmes zu berichten und zu hören. Ehrenamtliche handeln aus vielerlei Motivation heraus. Menschenliebe. Humanität. Viele handeln darüber hinaus bewusst als Christen. Jesus hat ja gesagt: „Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“

Zum Karneval

Lebensfreude

 

Ein Christ darf sich des Lebens freuen

und muss der Narren Fest nicht scheuen.

Denn Freude ist sein Lebensziel

und Grund zur Freude hat er viel:

Weiß sich bei Gott allzeit geborgen

trotz manchen Kummers, mancher Sorgen.

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Hitliste

Gedanken zum Sonntag

Wer ist der Größte? Der größte Deutsche aller Zeiten? Oder die Größte? Hitlisten sind in, nicht nur bei Musiktiteln, auch, um Menschen zu beurteilen. Wichtige Leute werden genannt: Dichter, Erfinder, Prominente mit großen Verdiensten. In den Listen fehlen aber auch viele Namen! Es fehlt die Mutter, die ihr behindertes Kind von Geburt an bis zum bitteren Tod nach sieben Jahren gepflegt hat. Es fehlt der Arzt, der seine Karriere aufgegeben hat und seit drei Jahren in Afrika arbeitet.

Solche Menschen haben keine Namen, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Für mich gehören sie zu den ganz Großen! Ich führe sie in meiner persönlichen Hitliste. Und da gehört eigentlich noch jemand hinein: Sie, die Sie das hier lesen. Vielleicht haben Sie etwas ganz Großes geleistet – im Verborgenen: einen Menschen begleitet; einen Schicksalsschlag durchgestanden; eine Depression ertragen, eine Sucht besiegt; im Stillen gespendet.

Sie haben das nicht getan oder geschafft, um „groß raus zu kommen“. Ihr Name soll in keiner veröffentlichten Hitliste stehen. Vielleicht weiß nicht einmal die Nachbarschaft von Ihnen. Umso schöner zu hören, dass einer Sie längst bemerkt hat: Gott kennt Sie! Er bewertet das mit den Hitlisten ohnehin ziemlich anders. Er sieht das Herz an. Wir Menschen sehen oft nur, was vor aller Augen ist.

Sich der Vergangenheit stellen

Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar

Welche Rolle spielte die evangelische Kirche in Goslar während der Nazi-Zeit? Dieses Buch aus dem Jahre 2009 gibt die spannende Antwort:

Geleitwort des Herausgebers:

Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben, und dass es nicht aus deinem Herzen kommt dein ganzes Leben lang. Und du sollst davon erzählen deinen Kindern und Kindeskindern. 5. Mose 4,9

Eine Untersuchung der Rolle der Goslarer Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus fehlte bisher. Es gibt keine ausgeprägte und dokumentierte Erinnerungskultur, was das Tun und Lassen der Gemeinden und der Pfarrerschaft damals betrifft. In Gesprächen ist zu erkennen: dieser Mangel führt gemeinhin zu der Annahme, es sei in Goslar wohl so gewesen, wie fast überall, die Kirche habe eben „mitgemacht“. Solche Verallgemeinerungen werden dem differenzierten Geschehen in keiner Weise gerecht. Es ist daher an der Zeit, der Öffentlichkeit Material und Einschätzungen vorzulegen, aus denen die spezifische Goslarer Situation hervorgeht. Damit wird Versäumtes nachgeholt, was bereits 1968 der damalige Braunschweigische Landesbischof Dr. Gerhard Heintze in der Festschrift zum 400. Jubiläum der Landeskirche ganz allgemein und umfassend angemahnt hatte und was jetzt von seinem heutigen (2009 geschrieben) Nachfolger Prof. Dr. Friedrich Weber aufgegriffen worden ist: die Kirchen müssen sich noch genauer mit ihrer Vergangenheit in der NS-Zeit beschäftigen. Was Goslar angeht, macht die vorliegende Schrift damit einen Anfang. Uns ist dabei sehr wohl bewusst, dass noch vieles zu entdecken und manches vielleicht anders einzuordnen und zu bewerten ist. „Sich der Vergangenheit stellen“ weiterlesen

„Vom Saulus zum Paulus“ – eine skandalöse Redensart

Am 25. Januar ist „Tag der Bekehrung des Apostels Paulus“ – Eine Predigt über Apostelgeschichte 9, 1-19a

Es ist sprichwörtlich geworden: das „Damaskus-Erlebnis“. Sie kennen das. Wenn es einen so richtig rumgerissen hat: ein Damaskuserlebnis. Wenn man urplötzlich erkennt, dass man völlig schief gelegen hat: ein Damaskuserlebnis.

Wenn man erkennt: ich war sehenden Auges blind! Ich war – beratungsresistent! Ich hatte mich verrannt! „Damaskus-Erlebnis“, ein falscher Weg geht abrupt zu Ende, ein neuer tut sich auf – und das nicht aus eigener Einsicht, sondern von außen her, geschenkt, unerwartet. Der Begriff gehört zur Allgemeinbildung. Und man glaubt zu wissen, was damit gemeint ist.

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Generalverdacht

Klar, es ist Vorschrift, ich weiß! Trotzdem: ich fürchte ihn jedes Mal, diesen Augenblick! Ich fahre mit meinem Einkaufswagen auf die Kasse zu, warte auf die Abfertigung der Kundin vor mir – und dann passiert es! Erst das „Guten Tag!“ –  Vorschrift schon das. Und dann: dieser Blick nach oben! Kein Stoßgebet, nein: dort oben hängt ein Spiegel, und der ermöglicht einen Blick in meinen Wagen. Variante: die Verkäuferin erhebt sich ein paar Zentimeter aus ihrem Sitz und lässt kritisch ihren Blick in den rollbaren Drahtkäfig fallen: alles aufs Transportband gelegt!? Mich sieht sie nicht – und auch nicht, wie ich leicht erröte.

Wer einkauft, steht heute unter Generalverdacht. „Heben Sie bitte mal die Kiste an!“ Klar, es könnte ja eine flache Packung mit Wurstscheiben drunter „Generalverdacht“ weiterlesen