Herrnhuter Losung für den 1. September

Einen Fremden sollst du nicht quälen. Denn ihr wisst, wie dem Fremden zumute ist, seid ihr doch selbst Fremde gewesen im Land Ägypten. 2. Mose 23,9

Wichtiger Bestandteil unserer abendländischen / europäischen / deutschen „Leitkultur“ – oder entbehrliche alttestamentliche Sozialromantik?

Selbst auferlegte Lasten

Gedanken zum 14. Sonntag nach Trinitatis

„Eigentlich“, liebe Gemeinde…, „eigentlich“… „Eigentlich“ will man mit jedermann auskommen. Eigentlich ist man für Frieden und Gerechtigkeit. Eigentlich will man sich um andere kümmern. „Eigentlich“… Aber irgendwie – wenn wir ehrlich sind – bleiben wir immer dahinter zurück. Wir wissen recht gut, was noch zusätzlich ginge, aber … Ja, wir wollen sogar „gut“ sein, aber letztlich gelingt uns das nicht. „Das Gute, das ich will“, schreibt Paulus, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Röm 7, 19). „Eigentlich“ bin ich ein guter Mensch, aber… Nicht schön, ja ärgerlich, das erkennen zu müssen. Eigentlich braucht uns doch keiner zu sagen, was gut und was böse ist. Wir wissen es doch, – und wenn wir uns nur richtig anstrengen, dann werden wir es doch auch schaffen …, eigentlich…

Nein! sagt Paulus. Er unterbricht an dieser Stelle unsere Gedanken. Er geht dazwischen. Hier, wo doch scheinbar die Stärke von uns Menschen liegt. Hier, wo es darum geht, zu planen, zu forschen, seinen Willen einzusetzen, kurz: die Dinge besser zu machen. Hier, wo schlaue Bücher und Methoden ihre Hilfe anbieten, wo die Menschheit scheinbar unaufhaltsam voranschreitet. Genau hier geht der Apostel dazwischen. Aber er fügt den vielen guten Ratschlägen nicht noch einen weiteren hinzu. Er wetteifert nicht mit uns um die klügsten Lebensregeln. Nein, er mischt sich ein mit einem seltsamen Satz.

Dieser Satz heißt: „Wir sind nicht dem Fleisch schuldig, daß wir nach dem Fleisch leben!“. Was meint er damit? Und was meint er mit dem, was er kurz vorher gesagt hatte, nämlich: „Es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“? „Selbst auferlegte Lasten“ weiterlesen

Lieber Gott?

Gedanken zum 13. Sonntag nach Trinitatis

Solche Sätze können einem gefallen: Gott ist die Liebe! Knapp, einfach und schön. Man fragt sich geradezu, warum dieser Satz nicht im Glaubensbekenntnis steht. Treffender kann man es doch gar nicht sagen!

Aber nun haben ja gerade knappe und griffige Formulierungen etwas Zweischneidiges. Sie leuchten zwar ein, aber sie vereinfachen auch, ja, sie können in die Irre führen. Gott ist die Liebe! Wenn das so ist, dann kann man ja wohl diesen Satz auch umdrehen: Die Liebe ist Gott!? Also: überall da, wo Menschen einander liebevoll begegnen, da treffen sie auf Gott selber. Ist das nicht überhaupt der Schlüssel? Erledigen sich damit nicht komplizierte theologische Erörterungen!?

Tatsächlich gibt es ja in der Bibel die Rede davon, dass der Mensch das Ebenbild Gottes sei. Wenn also Gott Liebe ist, dann auch der Mensch. Und in der Tat erfahren wir Liebe durch Menschen. Der Dichter Ernesto Cardenal spricht davon, dass jeder Mensch einen unerschöpflichen Vorrat an Liebe in sich trage, nicht nur die Sehnsucht danach, sondern auch die Fähigkeit dazu. Und mit dieser Liebe verhalte es sich wie mit einem Medikament, das man in der Pillendose mit sich herumtrage: sie muss heraus, muss verteilt und „eingenommen“ werden, sonst kommt sie nicht zur Wirkung. Der riesige Vorrat an Liebe kann zur Last werden, die drückt und die auf die Suche treibt nach dem, was wir in Wahrheit selber in uns tragen: „Wir selber sind dem Wesen nach Liebe, denn wir sind Ebenbilder Gottes und Gott ist Liebe.“

„Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“. Scheinbar wird uns hier so etwas wie ein Rezept gegeben zum glücklichen Leben. Offenbar muss man es nur richtig anstellen, muss an der Liebe dranbleiben, dann geht es einem gut.

Nur: das wird ja vom Leben dauernd widerlegt. „Lieber Gott?“ weiterlesen

Goslarsche Zeitung über das neue Buch

 

Autor: Sabine Kempfer

Helmut Liersch veröffentlicht GZ-Reihe zur Reformation als Buch

Liersch holte Vergessenes und Unbekanntes aus der Zeit der Reformation ans Tageslicht und veröffentlichte historisch fundierte, kurzweilig geschriebene Zeitungsartikel, die viele Fans fanden. Daraus machte Goslars Ex-Propst jetzt ein Buch. Foto: Kempfer

Goslar. Signalrot leuchtet es Bücherfreunden im Schaufenster entgegen: „Reformation!“ Helmut Liersch hat ein neues Buch unter diesem Titel herausgegeben. Lesern der GZ mag der Inhalt bekannt vorkommen: Goslars ehemaliger Propst ist einem vielfach geäußerten Wunsch nachgekommen und hat seine Zeitungsbeiträge zur Reformation zusammengetragen.

„26 überraschende Einblicke mit historischen Fakten aus Goslar“ lautet der Untertitel des Buches; wer die eine oder andere Folge im Reformationsjahr verpasst hat, kann sich nun die ganze Serie auf einmal nach Hause holen. Der im Untertitel schon anklingende „Überraschungsfaktor“ macht die Betrachtungen von Liersch so lesenswert: Die sorgfältig recherchierten historischen Fakten werden auch unterhaltsam dargestellt, Lierschs Lust am Kuriosen bricht sich hier mit Augenzwinkern Bahn.

26 Geschichten mit aktuellen Themen

Das Leben schreibt oft die besten Geschichten – aber es muss jemanden geben, der sie entdeckt und erzählt. So geschehen. Wer sich eine der 26 Geschichten vornimmt, deren Themen heute noch von Belang sind, kann davon ausgehen, viel über Goslars Geschichte zu erfahren, und dabei blendend unterhalten zu werden. Es geht um Bildung, soziale Gerechtigkeit, Bedeutung von Hierarchien, Fragen der Macht. Da werden Luthers Kampf für bessere Schulen und der gewaltsame Streit um die Wahrheit thematisiert, es geht um „Geschichtsklitterung“ im historischen Rathaus, um „Luther-Bashing“, gefährliche Dienstreisen oder den „Zoff in Goslars Bildungselite“ – schon die Überschriften regen zum Lesen an. „Ich habe versucht, in jedem Artikel etwas Neues zu bringen“, verrät Liersch seinen Ehrgeiz. Der Autor nahm alte Bezüge aus den GZ-Artikeln heraus, fügte neue Bilder hinzu, überarbeitete alles und machte ein attraktives Buch mit 120 Seiten daraus.

Das Titelfoto zeigt Prof. Ulrich Bubenheimer, mit dem Liersch bei gemeinsamen Studien in Goslars Marktkirchenbibliothek viele neue Fakten über die Reformation ans Tageslicht brachte. Bubenheimers „kriminalistischer Spürsinn“ steckte ihn an. Das Buch ist für 14 Euro in allen GZ-Geschäftsstellen und im Goslarer Buchhandel erhältlich.

 

Zoff unter Aposteln!

Gedanken zum 12. Sonntag nach Trinitatis

In vielen Kirchen sind sie zu sehen, die beiden Herren. Auf der Briefmarke aus Liechtenstein stehen sie eng beieinander. Meist aber stehen sie in weitem Abstand voneinander, der eine links, der andere rechts. Man könnte meinen, sie hätten heute noch etwas gegeneinander. Petrus und Paulus. Petrus trägt meist das Buch in der einen Hand – und die Schlüssel in der anderen. So als wolle er sagen: Nur ich öffne die Tür zum Glauben und zum Himmelreich! Paulus zeigt dem Petrus das Schwert als wollte er sagen: Nur ich führe das Schwert des Geistes, nur ich kenne die Wahrheit!

Von diesem Streit, in dem es um Biegen und Brechen geht, erzählt Paulus im Galaterbrief. Er, der geborene Jude, hatte Christus als den kennen gelernt, der Menschen ohne Ansehen der Person zum Glauben ruft. Als er dem auferstandenen Christus vor Damaskus begegnet war und sich wieder vom Boden erhob, da wusste er, dass sein bisheriges Leben falsch war. Wenn der wegen Gotteslästerung verurteilte Jesus lebte, dann konnte das bei Gott nur das Höchste zum Ziel haben: unsere Gerechtigkeit. Nicht länger konnten Menschen Gerechtigkeit erwerben und erarbeiten. Allein im Glauben, allein durch Christus konnte sie geschenkt werden.

Paulus schließt sich der Gemeinde von Antiochia an. Dort lebt er mit den so genannten Heidenchristen zusammen wie einer von ihnen. Das jüdische Gesetz hält er nicht länger. Da kommt eines Tages Petrus zu Besuch aus Jerusalem. Die Judenchristen in dort hatten längst akzeptiert, dass auch Nichtjuden Zugang zum Heil in Christus haben. Aber noch ist unentschieden, ob sie auch in gleicher Weise leben können, ja, ob sie in eine Gemeinde gehören. Der Besucher Petrus ist unsicher. Einerseits will er selbst an seiner jüdischen Lebensweise festhalten. Andererseits sieht er ein, dass es in der Christusgemeinschaft keine Unterschiede geben darf. Schließlich entscheidet er sich: Er lebt wie die Gemeinde, die er besucht. Er sitzt mit ihnen an einem Tisch, isst und trinkt nach ihrer Weise und feiert mit ihnen Gottesdienst.

Das wird schlagartig anders, als aus Jerusalem Abgesandte der Leitung kommen. Vielleicht sollen sie den Petrus zur Ordnung rufen. Jedenfalls sagen sie etwa: Wie kannst du, Petrus, ein geborener Jude, mit Menschen an einem Tisch sitzen, die unsere Speisevorschriften nicht beachten? Gewiss gehören wir mit ihnen in Christus zusammen, aber im Leben sind wir getrennte Leute. Gott hat uns Juden nun einmal den Weg der Gerechtigkeit gezeigt. Und auch nach Christus müssen wir uns daran halten! Petrus bekommt Angst. Das ist ja eine alte Schwäche von ihm. Er sondert sich also ab und schließlich folgen ihm die anderen geborenen Juden, die es in Antiochia gibt. Sie sitzen für sich beim Mahl, sie sitzen für sich beim Gottesdienst. „Zoff unter Aposteln!“ weiterlesen

Aus der Bahn geworfen

Gedanken zum 9. Sonntag nach Trinitatis

Von vorn anfangen können! Das Leben vor sich haben! Wissen, wozu man da ist! Etwas Schöneres kann es nicht geben. Einen Schlussstrich ziehen unter alles, was vorher war. Sich nicht mehr festlegen lassen auf das, was misslungen ist. Ballast abwerfen.

Ein Traum? Paulus hat ihn erlebt. Mit jugendlichem Elan war er losgestürmt, um die Christen zu verfolgen. Er glaubte zu wissen, was richtig ist. Er war sich sicher in dem, was er zu tun hatte. Er fühlte sich als Verteidiger des wahren Glaubens. Er hatte eifrig gelernt, was man tun und was man lassen muß, um Gott zu gefallen. Keiner – so glaubte er – war darin so perfekt wie er selber. Ein gesetzestreuer Hebräer vom Stamm Benjamin, ein gelehrter Mann, einer, der sich vor Gott seiner Untadeligkeit rühmen konnte. So glaubte er. Und dann Damaskus. Das völlige Aus. Der stolze Mann stürzt, erblindet, kann nicht mehr essen und trinken. Eine Katastrophe sondergleichen. Ein öffentliches Scheitern. Das Ende einer Karriere.

Und doch ein Anfang. Gerade dies: ein Anfang. Die entscheidende Wende in seinem Leben. Erst jetzt fängt er an zu suchen. Erst jetzt stellt er die richtigen Fragen. Erst jetzt läßt er sich helfen.

 

Ein Traum? Paulus hat ihn erlebt. Und das Erlebnis war nicht nur schön. Ein lebensgefährlicher Vorgang, ein schwieriger Prozess war es. Erst das aber hat dem Apostel die Augen geöffnet, hat ihn so entschlossen gemacht. Er hat sich nicht etwas ausgedacht, etwas „theologisch Richtiges“, ein Gebäude von Ideen. Nein, ganz anders. Es hat ihn umgeworfen. Er konnte nicht mehr weiter. Eine ihm unbekannte Hand hatte den Schlussstrich gezogen. So wird Paulus fähig, neu zu beginnen. Jetzt erst weiß er: Gott selber zeigt mir den Weg. Meine Herkunft, mein Wissen, mein Eifer: das alles bringt mich ihm nicht näher. Entscheidend ist, dass Christus mich ergriffen hat! Das ist seine Botschaft. Damit reist er durch die griechisch-römische Welt, er predigt, er schont sich nicht, er erleidet für das Evangelium Verfolgung und Gefängnis.

Und dann das! Ausgerechnet in Philippi, in einer von ihm gegründeten Gemeinde, droht der Rückfall. Genau das, was Paulus wichtig war, wird infrage gestellt. Andere christliche Missionare sind in der Gemeinde aktiv und bekämpfen das, wofür Paulus so vehement eintritt. Sie sind jüdischer Abstammung wie er selber. Und sie berufen sich auf diese ihre Herkunft und auf ihre Gesetzestreue. Sie leiten daraus eine Sonderstellung ab, sehen darin einen Vorzug und eine besondere Nähe zu Gott. Genau wie Paulus das getan hatte – vor Damaskus, vor seinem Sturz, vor seinem Scheitern.

Und Paulus kämpft! „Nehmt euch in acht vor den Hunden!“, so warnt er die Christen in Philippi. Wenn einer das Recht hätte, sich auf seine Herkunft und auf seine Gesetzestreue zu berufen, dann wäre ich das. Aber ich buche das als Verlust. Es steht mir im Wege. Es bringt mich weg von Gott. Lasst euch nicht wieder beirren! Die vermeintlichen Guttaten stellen sich zwischen Gott und euch. Vor lauter eigener Gerechtigkeit erkennt ihr nicht mehr, was Gott für euch getan hat.

Hier, wo scheinbar die Stärke liegt, geht Paulus dazwischen. Seine Bestandsaufnahme ist nüchtern. All die klugen Lebensregeln ändern nichts. All das gut Gemeinte ist nicht das Gute selber. All die Mahnungen und Ratschläge übersehen das Entscheidende: dass wir Gott nichts abmarkten können. Ihr überschätzt eure Möglichkeiten, wenn ihr meint, man müsse sich nur so oder so verhalten, dann gelinge das Leben. Paulus warnt. Ihr führt die Menschen nicht zu Gott, sondern in die Unfreiheit. Ihr ladet ihnen immer neue Lasten auf, anstatt ihnen die grenzenlose Liebe Gottes nahezubringen. Beendet das! Denkt euch nicht immer neue Dinge aus, die euch retten sollen! Ihr seid frei! Ihr könnt eure sinnlosen Versuche beenden, Gott durch eure Taten zu beeindrucken.

Von vorn anfangen dürfen, wissen wozu man da ist. Erfahren, dass man Gott völlig trauen kann. Paulus hat das erlebt. Er kennt jetzt den Dreh- und Angelpunkt seines Lebens. Er weiß, an welcher Stelle er nie rückfällig werden darf. Er lässt sich nicht mehr in das alte Leben einweisen, von dem er durch Christus gerade frei geworden ist. Und er kämpft mit heiligem Zorn dafür, dass das so bleibt – für ihn selber und für alle Getauften.

Auch heute werden einzelne Menschen auf spektakuläre Weise aus der Bahn geworfen und zum Umdenken gezwungen. Durch Krankheit, durch Unfall, durch den Tod von Angehörigen. Für manche von ihnen führt das zu einer Neubesinnung und zu der Bereitschaft, sich der Zukunft zu öffnen. Oft zum ersten Male taucht die Frage nach Gott auf als entscheidende Lebensfrage. In dem manchmal fast spöttisch hingesagten Sprichwort „Not lehrt beten“ steckt diese Erkenntnis. Nicht selten muss erst eine kräftige Erschütterung erfolgen, um etwas in Bewegung zu bringen. Neu anfangen können – eine riskante Sache. Soll man sich solch eine umstürzende Wende wünschen? Soll man sich danach sehnen, so umgeworfen zu werden? Muss man erst scheitern, um glauben zu können? Dieser Gedanke macht eher Angst als daß er befreit.

Manche sagen: einen dramatischen Umbruch habe ich in meinem Leben nicht erlebt. Dennoch: ich habe allmählich umdenken gelernt. Ich musste vieles, was ich mir vorgenommen hatte, aufgeben. Was gut gemeint war, kam doch anders an. Manches Schöne gelang ungeplant, manche Krise ereignete sich trotz aller Vorsorge. Vielleicht hatte ich mich zu sehr auf mich selber verlassen, auf meine Klugheit, auf meine Sparsamkeit, auf mein Können. Im Nachhinein gewichte ich das anders. Mit Paulus gesprochen: „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet“. Diese neue Sicht kann der Anfang eines anderen Lebens sein. Dass ich gelassener werde im Umgang mit anderen und mit mir selber. Dass ich es zulassen kann, nicht alle Dinge zu verstehen. Dass auch die Ungereimtheiten des Lebens mein Vertrauen nicht erschüttern. Paulus geht so weit, dass er auch sein Leiden und sein Sterben dieser neuen Sichtweise zuordnen möchte. Denn nicht seine persönlichen Fähigkeiten hält er für den Maßstab, sondern die Kraft Gottes, die selbst Auferstehung von den Toten bewirkt. Mit solchem Glauben hat das Leben eine tragfähige Basis.

Man hat allerdings diese Einstellung nicht ein für allemal. Man kann zurückfallen. Das gilt auch für Paulus. „Nicht, dass ich´s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei“, so schränkt er ein. Die alten Parolen wollen sich immer wieder Gehör verschaffen. Der angeblich so gute eigene Wille, die angeblich so hilfreiche Tradition. Er sucht und fragt weiter. Darin ist er uns ganz ähnlich. Er, der auf den ersten Blick so vollkommene Völkerapostel, ist uns sehr nah. Paulus geht suchend in das neue Leben hinein. Schritt für Schritt versucht er, Gottes Weg zu erkennen. Wie das ausgehen wird, das liegt noch nicht offen zutage. Vorgezeichnet aber ist die Perspektive: in allem kommt es darauf an, sich bedingungslos auf Gott zu verlassen. Nicht mehr im Vordergrund steht die Angst, Fehler zu begehen; nicht mehr wichtig erscheint es Paulus, alles richtig zu machen, perfekt zu sein. Jetzt hat etwas anderes Bedeutung: sich nach vorn auszustrecken, „nach dem vorgesteckten Ziel zu jagen“. Er ist gewiss, dass Gott ihm dabei entgegenkommt.

Der Paulus-Text:

„Aus der Bahn geworfen“ weiterlesen

Neue Seinsweise statt Optimierung

Taufe und Lebenssinn – Gedanken zum 8. Sonntag nach Trinitatis

„Ich muss menschlich davon reden um der Schwachheit eures Fleisches willen: wie ihr eure Glieder hingegeben hattet an den Dienst der Unreinheit und Ungerechtigkeit zu immer neuer Ungerechtigkeit, so gebt nun eure Glieder hin an den Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden. Denn als ihr Knechte der Sünde wart, da wart ihr frei von der Gerechtigkeit. Was hattet ihr nun damals für Frucht? Solche, deren ihr euch jetzt schämt; denn das Ende derselben ist der Tod. Nun aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, dass ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben. Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.“ Römer 6,19-23

Paulus erörtert die Frage, worin sich das Leben eines getauften Christen von dem eines Ungetauften eigentlich unterscheidet. Eine aktuelle Frage im Rom des 1. Jahrhunderts! Die Gemeindeglieder wollten wissen: Welche Konsequenzen hat es denn, dass wir vor Gott gerecht gesprochen sind? Was hat das denn mit unserem alltäglichen Leben zu tun?

Angesichts der Tatsache, dass Mitgliedschaft in der Kirche nicht mehr selbstverständlich ist, stellt sich diese Frage auch heute, wenn auch unter veränderten Bedingungen. War seinerzeit der christliche Glaube eine neue Erscheinung, so steht er heute trotz seiner viele Jahrhunderte alten Verwurzelung vor einer neuen Bewährungsprobe. Die Gefahr ist freilich damals wie heute, das Christsein in moralischen Kategorien zu beschreiben. Also: den vielen Lebensrezepten ein weiteres hinzuzufügen. Noch einmal: tu dieses, lass jenes; wenn/dann …

Tragen solche Lebensrezepte wirklich? Ein Blick in die Menschheitsgeschichte muss skeptisch machen. Solange wir in der Welt leben, müssen wir auch mit Unsicherheit und mit Unerklärlichem leben. Die Geschichte der Menschheit sollte uns davor gefeit machen, Ideologien zu vertrauen, die das Ganze in den Griff bekommen wollen. Der Mensch ist zum Guten nur sehr begrenzt fähig. Er wird beherrscht – in jedem Fall. Entscheidend ist nur, von wem. Davon schreibt der Apostel Paulus in recht kompakter und schwieriger Sprache.
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Gedanken zum Johannistag

Im Matthäusevangelium steht im 11. Kapitel ein interessanter Text mit der spannenden Frage: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“

„Als Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Jesus antwortete und sprach zu ihnen: „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tore stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“

Jesus soll sich ausweisen. Gelegentlich werden wir ja auch mal so angesprochen. Etwa, wenn wir eine ferne Grenze überqueren: „Würden Sie sich bitte ausweisen?“ Oder bei einer Polizeikontrolle: „Darf ich bitte mal Ihren Ausweis sehen?“

Von einem jungen Mann wird folgendes erzählt: Er machte in Frankreich Urlaub und verlor seinen Personalausweis. Er rief seine Mutter an, sie solle ihm den Pass schicken, damit er sich auf der Rückfahrt ausweisen könne. Die Mutter schickte nun den Ausweis an das angegebene Postamt, wo er einige Tage später eintraf. Der junge Mann ging zur Post und fragte den Schalterbeamten, ob etwas unter seinem Namen angekommen sei. ´Ja`, sagte der Mann, aber würden Sie sich bitte ausweisen?´

Eine verzwickte Sache! Er soll sich ausweisen. Aber das kann er nur, wenn ihm der Ausweis gegeben wird. Ausweglos, wie es scheint.

„Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ So lässt Johannes Jesus fragen. „Kannst Du Dich ausweisen?“ Verständlich, dass Johannes so fragt. Er hat sein ganzes Leben darauf eingestellt, dass er den Messias sieht. Er hofft auf Erlösung. Er wartet. Seit Jahren schon lebt er in der Wüste, lebt ganz kärglich und hofft darauf, dass seine Ausdauer belohnt wird. Die Zeit geht ins Land, nichts passiert. Dann kommt Jesus zu ihm, hinunter an den Jordan – und lässt sich von ihm taufen. Ein Lichtblick – aber noch nicht die Erlösung. Johannes wird festgenommen und ins Gefängnis geworfen. Alles andere als Erlösung! „Gedanken zum Johannistag“ weiterlesen

Kostenlos – aber nicht umsonst

Gedanken zu einem Prophetenwort aus Jesaja 55

„Auf, ihr Durstigen, geht zum Wasser! Auch wer kein Geld besitzt – geht! Und kauft Getreide und esst, geht und erwerbt ohne Geld Wein und Milch! —
Weshalb wollt ihr Geld für etwas geben, das nicht nährt, euch mühen und nicht satt davon werden?
Hört auf mich und ihr esst Gutes, es labt sich am Fetten eure Seele.
Neigt euer Ohr und kommt zu Mir! Hört, und es lebt eure Seele!“

Der Prophet überbringt eine Einladung zum Fest. Zu einem „fetttriefenden orientalischen Mahl“. Wer bei diesem Fest bezahlen will, beleidigt den Gastgeber! Alle sind eingeladen. Auch die, die gerade noch glaubten, sie müssten außen vor bleiben. Alle dürfen kommen und hinlangen. Alles ist kostenlos.

Wasser, Brot, Wein, Milch. Für uns heute sind das leicht zu habende Lebensmittel. Ein Griff ins Regal, rein in den Einkaufswagen. In Wüstengegenden versteht man besser, was gemeint ist. Ich habe das gesehen im Nahen Osten: ein karges Beduinenkamp. Einer führt uns zu einem Wasserloch, mühsam gegraben, mehrere Meter tief. Unten drin: ein bisschen Wasser. Wenig. Aber immerhin: Wasser. Ich sehe, wie stolz mein beduinischer Begleiter ist. Dieses Wasser bedeutet für die ganze Sippe viel: man kann hier weiter leben; man ist versorgt; Menschen, Tiere und Pflanzen können ernährt werden. Es wird Brot und Milch geben. Man wird feiern können.

Frisches Wasser kostenlos. Im Supermarkt fällt mir nicht mehr auf, was das bedeuten kann. Auch nicht, wenn ich zu Hause den Wasserhahn aufdrehe. Aber in der Wüste, da begreife ich es. Wenn es genießbares Wasser nicht gäbe, dann könnte ich nicht leben. Das leuchtet ein. Und weil das so einleuchtet, darum nimmt es der Prophet als Gleichnis. Es geht um etwas Einfaches, sagt er. So, wie ihr Wasser braucht, so braucht ihr das Hören. Das Hören auf mich! Wasser und elementare Nahrung als Gleichnis, als Hinweis auf etwas noch Wichtigeres! „Kostenlos – aber nicht umsonst“ weiterlesen

Trinität: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…

Jedem Christen – und auch wohl den meisten nicht getauften Menschen – ist die Formel „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ geläufig. Praktisch jeder Gottesdienst beginnt mit diesen Worten („Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“); das apostolische Glaubensbekenntnis fasst den christlichen Glauben in trinitarischer Form zusammen („Ich glaube an… an … an…), ebenso tut es das nicänische Glaubensbekenntnis, das die evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirchen in gleicher Weise verwenden; eine Taufe ohne Bezug auf die Trinität ist nicht gültig; viele Gottesdienste enden mit dem trinitarischen Segen („Es segne Dich … Vater … Sohn … Heiliger Geist“).

Was ist an dieser Trinität eigentlich so wichtig? Oder ist sie vielleicht sogar entbehrlich? Obwohl die Formel so vertraut ist, wirkt sie unverständlich und abstrakt. Im Gespräch mit Juden und mit Moslems bringt sie uns gar in große Verlegenheit: Sind wir Christen wirklich zu den Monotheisten zu zählen? Oder haben wir „drei Götter“?! Im interreligiösen Gespräch gelingt es kaum, die Sinnhaftigkeit und Zusammengehörigkeit von „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ zu erklären. Bei multireligiösen Feiern wird die Formel oft vermieden, weil sie als anstößig gilt. Muslime verstehen „Sohn Gottes“ als eine Bezeichnung für die leibliche Herkunft Jesu und assoziieren dabei altarabische Vorstellungen von Götterfamilien (Sure 53,19ff); dagegen hat sich der Prophet Mohammed gewendet (Sure 19,88-95). Auch die Vorstellung von Maria als „Mutter Gottes“ ist für den Koran ein Verrat an dem einen Gott. Der Koran verteidigt Jesus gegen den Vorwurf, er selber habe solchen „Irrglauben“ hervorgerufen (Sure 5,116)! „Trinität: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ weiterlesen