Marktkirchen-Bibliothek Goslar

Herkunft, Inhalt und Bedeutung der Marktkirchen-Bibliothek Goslar:


Goslarsche Zeitung vom 20. Januar 2018: (von Sabine Kempfer):

Restauriertes Messbuch erzählt Geschichte(n)

Der Förderverein der Marktkirchenbibliothek, hier in neuer Zusammensetzung mit Dr. Otmar Hesse als Vorsitzendem (2.v.li.), hält das erste durch eigene Mittel restaurierte Buch in der Hand, die Magdeburger Missale aus dem Goslarer Dom. Fotos: Kempfer

Goslar. Bewahren, Restaurieren, Ausstellen – das hat sich der Förderverein der Marktkirchenbibliothek Goslar zum Ziel gesetzt. Jetzt präsentiert er ein Buch, was aus den Mitteln des Vereins restauriert werden konnte. Natürlich ist es nicht irgendein Buch; es ist das erste auf einer etwas längeren Dringlichkeitsliste der in der Marktkirchenbibliothek bewahrten Schätze und stammt aus den Beständen des ehemaligen Goslarer „Doms“.

Im Förderverein sitze die geballte Kompetenz: Gleich drei Pröpste, ehemalige und amtierende, gehören dem Gremium an. Einer kennt sich richtig aus, sagt Dr. Otmar Hesse, der selbst zwölf Jahre für die Bibliothek zuständig war und neuer Vorsitzender des Fördervereins ist, der im November 2017 Wahlen hatte. Damals trat Prof. Dr. Hans Zilch nicht mehr an. Propst Thomas Gunkel ist Finanzchef, Dr. Johannes Großewinkelmann stellvertretender Vorsitzender, Dr. Henning Haßdorf wurde neu in den Vorstand gewählt. Zur Vorstellung des „Magdeburger Missale“ (Messbuch) waren alle anwesend – auch derjenige, der sich „richtig“ auskennt, gemeint ist Propst i. R. Helmut Liersch, der viel Zeit und Energie investiert hat und seit 2012 durch Beschluss des Kirchenvorstands offiziell „Beauftragter der Marktkirchenbibliothek“ ist. Der 1480 gedruckte liturgische Band aus dem „Dom“ (Stiftskirche) beinhaltet Messen, die dort gehalten/abgelesen wurden, ergänzt um Anmerkungen an den Rändern, ja, ganze Seiten wurden hinzugefügt, Gebete aufgeschrieben, die zu den Messen passten. Das Buch gehörte nicht einem Einzelnen, sondern war „an den Ort gebunden, an dem rituelle Handlungen vorgenommen wurden“, erläuterte Gunkel.

Drei Dombücher erhalten

Es ist eine von drei liturgischen Inkunabeln aus dem „Dom“, die erhalten blieben – eine Inkunabel ist ein vor 1501 entstandener Wiegendruck aus der Zeit, da die Buchdruckkunst noch in der Wiege lag. Der Foliant mit 40 Zentimeter hohen Blättern, 314 an der Zahl, ist in Schweinsleder und Holz gebunden.

Dass er in Goslar geblieben ist, gehört zu den kleinen Wundern. Der Band wurde weder von den Schweden mitgenommen, was der Förderverein angesichts des von Kaiser Heinrich III. gestifteten Pracht-Evangeliars anmerkte, das von Uppsala nach Goslar ausgeliehen wurde – und er entging mehrfach der Versteigerung, zuletzt 1812/1813, damals wurde das Inventar des Doms inklusive seiner Bücher verhökert.

Zu dem Zeitpunkt befand sich das Missale, von dessen einstiger 500-er-Auflage es weltweit noch maximal 30 mehr oder weniger gut erhaltene Exemplare gibt, nicht mehr vor Ort. Es gelangte aus der Büchersammlung des Stifts nach dessen Aufhebung ins städtische Archiv und danach 1840/41 in die Marktkirchenbibliothek. Eine Berliner Restauratorin nahm sich seiner an, restaurierte es zeitgemäß, so, dass die Objektgeschichte erhalten blieb. Der aufgesplitterte Rücken wurde unterlegt, das gelöste Einbandleder gefestigt, unvollständige Seiten angefasert und mit Japanpapier ergänzt – und vieles mehr.

120 Messen an einem Tag

Sein Inhalt verweist auf eine interessante Zeit, in der manchmal 120 Messen am Tag gelesen wurden, eine Zeit, in der es 20 Menschen gab, die diese Messen hielten: „Sie haben sie gelesen, nicht unbedingt verstanden“, erläuterte Liersch.

Ein echtes Gebrauchsbuch mit zahlreichen Nutzerspuren also, das in unterschiedlichen Schriftgrößen verfasst wurde, damit man die entscheidenden Stellen auch mit etwas Abstand zum Altar lesen konnte; Lesungen und Gebete waren kleiner gedruckt, erst recht solche zu Messen, die in dem Messbuch gar nicht abgedruckt waren.

Einer derjenigen, die das von Hans Bornhusen gestiftete Buch genutzt haben, war Johannes Ebeling, seit 1513 Vikar des Stifts; dieser legte, so Liersch, 1527 sein Priesteramt an Markt nieder „in Erkenntnis der evangelischen Wahrheit“. Ebeling sei also einer der ersten Evangelischen in Goslar gewesen – und einer, der sich durch handschriftliche Nachträge in eben jenem Missale verewigt hat. Die Forscher haben zu tun – und können dafür jetzt ein restauriertes Werk nutzen. Die Kosten blieben noch dreistellig.


 


Marktkirchen-Bibliothek Goslar: Beiträge zur Erforschung der reformationszeitlichen Sammlung
304 Seiten, Schnell & Steiner, 23. März 2017
ISBN-10: 3795430321, ISBN-13: 978-3795430320

Blick ins Buch: https://www.schnell-und-steiner.de/artikel_9002.ahtml

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Stimmen zum Buch

„Ein wundervolles Buch über die Marktkirchen-Bibliothek, … ein wirklich großer Wurf…“

         Dr. Falk Eisermann, Referatsleiter, Staatsbibliothek zu Berlin –     Preußischer Kulturbesitz, Gesamtkatalog der Wiegendrucke /       Inkunabelsammlung

„In dem Band sind nicht nur die Schätze der Bibliothek auf höchstem wissenschaftlichen Niveau vorgestellt, sondern das Buch ist selbst ein Schatz und ragt aus der Fülle der gegenwärtigen reformationsgeschichtlichen Veröffentlichungen deutlich heraus.“

         Dr. Inge Mager, em. Professorin für Kirchen- und Dogmengeschichte an der   Universität Hamburg

„Das Buch ist grafisch von ausgesuchter Qualität… Das Werk darf schon heute als vorbildlich für die Erforschung kleinerer Bibliotheken gelten.“

         Günter Piegsa, 1. Vorsitzender des Geschichtsverein Goslar e.V.

„Eindrucksvoll wird die zugrundeliegende Forschungsmethode deutlich: die Auswertung der Spuren an den Bänden, die aus Lagerung, Transport, bibliothekarischer Bearbeitung und Lektüre resultieren.“

         Birgit Hoffmann, Landeskirchenarchivrätin in Wolfenbüttel

„Eine großartige Publikation, genaue Forschungen, wunderbare Bilder!“

         Dr. Wolfgang Sommer, em. Professor für Kirchengeschichte an der Kirchlichen Hochschule Neuendettelsau

„Eine eindrucksvolle Dokumentation des Forschungsstandes, die geradezu vorbildhaft für vergleichbare Unternehmungen in anderen bibliothekarischen Institutionen sein dürfte.“

         Dr. Michael Ludscheidt, stellv. Kurator / Bibliotheksleiter der Bibliothek des   Ev. Ministeriums im Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt.


 

Goslar profitiert vom reformationszeitlichen Netzwerk –

Zur Vorgeschichte der Marktkirchen-Bibliothek

Die Reformation wurde entscheidend vorangebracht durch soziale Netzwerke. Man traf sich zum Beispiel in „Humanistenzirkeln“ wegen gemeinsamer Interessen hinsichtlich neu aufgetauchter Literatur. Auch das Studium an einer modernen Universität wie der 1502 gegründeten in Wittenberg brachte Menschen aus verschiedenen Städten zusammen. Man schrieb sich Briefe, tauschte Bücher und aktuelle Flugschriften aus und bildete sich so eine Meinung über die neuesten Entwicklungen. Man besuchte sich gegenseitig und disputierte in kleinen Zirkeln oder öffentlichen akademischen Veranstaltungen über die Themen der Zeit. Martin Luthers Entwicklung etwa wäre nicht denkbar ohne den ständigen Austausch mit den Gelehrten seiner Zeit wie Karlstadt, Müntzer, Melanchthon oder Bugenhagen, aber auch Gästen aus ganz Europa.

Neben diesen „großen Namen“ gab es auch weniger bekannte: Zahllose Priester, Mönche, Kleriker und Bürger waren auf der Suche nach der Wahrheit, Fernhändler, Buchverkäufer und Handwerker vernetzten die Städte miteinander. So war das auch im Gebiet des nördlichen Harzes. Die Arbeit an der Marktkirchenbibliothek Goslar in den vergangenen Jahren hat solche Personen und ihre Beziehungen zueinander eindrucksvoll ans Licht gebracht. An ihrem Beispiel lässt sich zeigen, wie unterschiedlich die Lebensentscheidungen der Menschen damals waren – und wie gefährlich es sein konnte, sich offen als Anhänger Luthers zu „outen“.

Ursprünglich gehörten viele der jetzt in Goslar stehenden Bücher zu einer Privatbibliothek in Halberstadt. Ein dortiger Notar und Kleriker hatte sie gesammelt: Andreas Gronewalt. Er lebte und wirkte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Gronewalt kaufte eifrig Flugschriften von Anhängern und Gegnern der Reformation: Die Sache interessierte ihn – und manches erschien ihm plausibel, was man seinen handschriftlichen Eintragungen entnehmen kann. Er hielt Kontakt mit anderen Gelehrten, die ebenfalls gespannt verfolgten, was sich in Wittenberg und in anderen Städten des Reiches tat. Dazu gehörte vor allem der Halberstädter Propst des Augustinerstiftes St. Johannis: Eberhard Weidensee. Inspiriert von der Aufbruchsstimmung seiner Zeit gründete er eine gelehrte Schule in Halberstadt, an der auch Griechisch und Hebräisch unterrichtet wurden. Das war so selten und attraktiv, dass Pädagogen aus den umliegenden Städten – etwa Braunschweig und Goslar – mit ihren Schülern zeitweise dorthin zogen, um zu lernen. Auch auf diese Weise breitete sich das reformatorische Netzwerk aus.

Weidensee lehnte sich mit seiner Schule und mit lutherischen Predigten „weit aus dem Fenster“. Das führte 1523 zu Gefangennahme und Flucht. Weidensee wandte sich seitdem völlig der evangelischen Sache zu. Er war einer der entscheidenden Reformatoren von Magdeburg und von Nordschleswig, bis er schließlich 1533 der dritte Superintendent von Goslar wurde. Gronewalt dagegen, sein Gesprächspartner aus Halberstädter Zeiten, blieb in seiner Stadt. Dort, im Einflussbereich von Kardinal Albrecht, war es extrem gefährlich geworden, sich als Anhänger Luthers zu zeigen oder nur eine seiner Schriften zu besitzen. Es kam zu Gewaltexzessen gegen Verdächtige. Gronewalt, der 1521 noch Melanchthon persönlich in Wittenberg begegnet war, hielt sich mehr und mehr zurück und blieb Zeit seines Lebens Katholik.

Die Verbindung zu Weidensee blieb dennoch bestehen, was etwa durch Buchgeschenke nachzuweisen ist: Eine interkonfessionelle Verbindung! Goslar verdankt diesem frühreformatorischen Netzwerk die wesentlichen Bestände seiner Marktkirchen-Bibliothek. Gronewalt ließ 1535 die meisten seiner Bücher von Halberstadt nach Goslar bringen. In seiner Heimatstadt war ihr Besitz gefährlich, in Goslar brauchte sein Freund Weidensee dringend eine moderne Bibliothek. Er ließ dafür einen Anbau an die Marktkirche errichten: Wohl die erste evangelische Bibliothek überhaupt.

Helmut Liersch