Absolutes Vertrauen

Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis (18. August 2019)

Von vorn anfangen dürfen! Das Leben vor sich haben! Wissen, wozu man da ist! Etwas Schöneres kann es nicht geben. Einen Schlussstrich ziehen unter alles, was vorher war. Sich nicht mehr festlegen lassen auf das, was misslungen ist. Ballast abwerfen.

Ein Traum? Paulus hat ihn erlebt. Mit jugendlichem Elan war er losgestürmt, um die Christen zu verfolgen. Er glaubte zu wissen, was richtig ist. Er war sich sicher in dem, was er zu tun hatte. Er fühlte sich als Verteidiger des wahren Glaubens. Er hatte eifrig gelernt, was man tun und was man lassen muss, um Gott zu gefallen. Keiner – so glaubte er – war darin so perfekt wie er selber. Ein gesetzestreuer Hebräer vom Stamm Benjamin, ein gelehrter Mann, einer, der sich vor Gott seiner Untadeligkeit rühmen konnte. So glaubte er. Und dann Damaskus. Das völlige Aus. Der stolze Mann stürzt, erblindet, kann nicht mehr essen und trinken. Eine Katastrophe sondergleichen. Ein öffentliches Scheitern. Das Ende einer Karriere.

Und doch ein Anfang. Gerade dies: ein Anfang. Die entscheidende Wende in seinem Leben. Erst jetzt fängt er an zu suchen. Erst jetzt stellt er die richtigen Fragen. Erst jetzt lässt er sich helfen.

Ein Traum? Paulus hat ihn erlebt. Und das Erlebnis war nicht nur schön. Ein lebensgefährlicher Vorgang, ein schwieriger Prozess war es. Erst das aber hat dem Apostel die Augen geöffnet, hat ihn so entschlossen gemacht. Er hat sich nicht etwas ausgedacht, etwas „theologisch Richtiges“, ein Gebäude von Ideen. Nein, ganz anders. Es hat ihn umgeworfen. Er konnte nicht mehr weiter. Eine ihm unbekannte Hand hatte den Schlussstrich gezogen. So wird Paulus fähig, neu zu beginnen. Jetzt erst weiß er: Gott selber zeigt mir den Weg. Meine Herkunft, mein Wissen, mein Eifer: Das alles bringt mich ihm nicht näher. Entscheidend ist, dass Christus mich ergriffen hat! Das ist seine Botschaft. Damit reist er durch die griechisch-römische Welt, er predigt, er schont sich nicht, er erleidet für das Evangelium Verfolgung und Gefängnis.

Und dann das! Ausgerechnet in Philippi, in einer von ihm gegründeten Gemeinde, droht der Rückfall. Genau das, was Paulus wichtig war, wird infrage gestellt. Andere christliche Missionare sind in der Gemeinde aktiv und bekämpfen das, wofür Paulus so vehement eintritt. Sie sind jüdischer Abstammung wie er selber. Und sie berufen sich auf diese ihre Herkunft und auf ihre Gesetzestreue. Sie leiten daraus eine Sonderstellung ab, sehen darin einen Vorzug und eine besondere Nähe zu Gott. Genau wie Paulus das getan hatte – vor Damaskus, vor seinem Sturz, vor seinem Scheitern.

Und Paulus kämpft! „Nehmt euch in acht vor den Hunden!“ (V. 2), so warnt er die Christen in Philippi. Wenn einer das Recht hätte, sich auf seine Herkunft und auf seine Gesetzestreue zu berufen, dann wäre ich das. Aber ich buche das als Verlust. Es steht mir im Wege. Es bringt mich weg von Gott. Lasst euch nicht wieder beirren! Die vermeintlichen Guttaten stellen sich zwischen Gott und euch. Vor lauter eigener Gerechtigkeit erkennt ihr nicht mehr, was Gott für euch getan hat.

Hier, wo scheinbar die Stärke liegt, geht Paulus dazwischen. Seine Bestandsaufnahme ist nüchtern. All die klugen Lebensregeln ändern nichts. All das gut Gemeinte ist nicht das Gute selber. All die Mahnungen und Ratschläge übersehen das Entscheidende: dass wir Gott nichts abmarkten können. Ihr überschätzt eure Möglichkeiten, wenn ihr meint, man müsse sich nur so oder so verhalten, dann gelinge das Leben. Paulus warnt. Ihr führt die Menschen nicht zu Gott, sondern in die Unfreiheit. Ihr ladet ihnen immer neue Lasten auf, anstatt ihnen die grenzenlose Liebe Gottes nahezubringen. Beendet das! Denkt euch nicht immer neue Dinge aus, die euch retten sollen! Ihr seid frei! Ihr könnt eure sinnlosen Versuche beenden, Gott durch eure Taten zu beeindrucken.

Von vorn anfangen dürfen, wissen wozu man da ist. Erfahren, dass man Gott völlig trauen kann. Paulus hat das erlebt. Er kennt jetzt den Dreh- und Angelpunkt seines Lebens. Er weiß, an welcher Stelle er nie rückfällig werden darf. Er lässt sich nicht mehr in das alte Leben einweisen, von dem er durch Christus gerade frei geworden ist. Und er kämpft mit heiligem Zorn dafür, dass das so bleibt – für ihn selber und für alle Getauften.

Auch heute werden einzelne Menschen auf spektakuläre Weise aus der Bahn geworfen und zum Umdenken gezwungen. Durch Krankheit, durch Unfall, durch den Tod von Angehörigen. Für manche von ihnen führt das zu einer Neubesinnung und zu der Bereitschaft, sich der Zukunft zu öffnen. Oft zum ersten Male taucht die Frage nach Gott auf als entscheidende Lebensfrage. In dem manchmal fast spöttisch hingesagten Sprichwort „Not lehrt beten“ steckt diese Erkenntnis. Nicht selten muss erst eine kräftige Erschütterung erfolgen, um etwas in Bewegung zu bringen. Neu anfangen können – eine riskante Sache. Soll man sich solch eine umstürzende Wende wünschen? Soll man sich danach sehnen, so umgeworfen zu werden? Muss man erst scheitern, um glauben zu können? Dieser Gedanke macht eher Angst als dass er befreit.

Manche sagen: einen dramatischen Umbruch habe ich in meinem Leben nicht erlebt. Dennoch: Ich habe allmählich umdenken gelernt. Ich musste vieles, was ich mir vorgenommen hatte, aufgeben. Was gut gemeint war, kam doch anders an. Manches Schöne gelang ungeplant, manche Krise ereignete sich trotz aller Vorsorge. Vielleicht hatte ich mich zu sehr auf mich selber verlassen, auf meine Klugheit, auf meine Sparsamkeit, auf mein Können. Im Nachhinein gewichte ich das anders. Mit Paulus gesprochen: „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet“. Diese neue Sicht kann der Anfang eines anderen Lebens sein. Dass ich gelassener werde im Umgang mit anderen und mit mir selber. Dass ich es zulassen kann, nicht alle Dinge zu verstehen. Dass auch die Ungereimtheiten des Lebens mein Vertrauen nicht erschüttern. Paulus geht so weit, dass er auch sein Leiden und sein Sterben dieser neuen Sichtweise zuordnen möchte. Denn nicht seine persönlichen Fähigkeiten hält er für den Maßstab, sondern die Kraft Gottes, die selbst Auferstehung von den Toten bewirkt. Mit solchem Glauben hat das Leben eine tragfähige Basis.

Man hat allerdings diese Einstellung nicht ein für alle Mal. Man kann zurückfallen. Das gilt auch für Paulus. „Nicht, dass ich´s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei“, so schränkt er ein. Die alten Parolen wollen sich immer wieder Gehör verschaffen. Der angeblich so gute eigene Wille, die angeblich so hilfreiche Tradition. Er sucht und fragt weiter. Darin ist er uns ganz ähnlich. Er, der auf den ersten Blick so vollkommene Völkerapostel, ist uns sehr nah. Paulus geht suchend in das neue Leben hinein. Schritt für Schritt versucht er, Gottes Weg zu erkennen. Wie das ausgehen wird, das liegt noch nicht offen zutage. Vorgezeichnet aber ist die Perspektive: in allem kommt es darauf an, sich bedingungslos auf Gott zu verlassen. Nicht mehr im Vordergrund steht die Angst, Fehler zu begehen; nicht mehr wichtig erscheint es Paulus, alles richtig zu machen, perfekt zu sein. Jetzt hat etwas anderes Bedeutung: sich nach vorn auszustrecken, „nach dem vorgesteckten Ziel zu jagen“. Er ist gewiss, dass Gott ihm dabei entgegenkommt.

Amen

Predigttext Philipper 3,7-11(12-14)

„Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die aus dem Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tod gleichgestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten. Nicht, dass ich´s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich´s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich´s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“