Goslarsche Zeitung über das neue Buch

 

Autor: Sabine Kempfer

Helmut Liersch veröffentlicht GZ-Reihe zur Reformation als Buch

Liersch holte Vergessenes und Unbekanntes aus der Zeit der Reformation ans Tageslicht und veröffentlichte historisch fundierte, kurzweilig geschriebene Zeitungsartikel, die viele Fans fanden. Daraus machte Goslars Ex-Propst jetzt ein Buch. Foto: Kempfer

Goslar. Signalrot leuchtet es Bücherfreunden im Schaufenster entgegen: „Reformation!“ Helmut Liersch hat ein neues Buch unter diesem Titel herausgegeben. Lesern der GZ mag der Inhalt bekannt vorkommen: Goslars ehemaliger Propst ist einem vielfach geäußerten Wunsch nachgekommen und hat seine Zeitungsbeiträge zur Reformation zusammengetragen.

„26 überraschende Einblicke mit historischen Fakten aus Goslar“ lautet der Untertitel des Buches; wer die eine oder andere Folge im Reformationsjahr verpasst hat, kann sich nun die ganze Serie auf einmal nach Hause holen. Der im Untertitel schon anklingende „Überraschungsfaktor“ macht die Betrachtungen von Liersch so lesenswert: Die sorgfältig recherchierten historischen Fakten werden auch unterhaltsam dargestellt, Lierschs Lust am Kuriosen bricht sich hier mit Augenzwinkern Bahn.

26 Geschichten mit aktuellen Themen

Das Leben schreibt oft die besten Geschichten – aber es muss jemanden geben, der sie entdeckt und erzählt. So geschehen. Wer sich eine der 26 Geschichten vornimmt, deren Themen heute noch von Belang sind, kann davon ausgehen, viel über Goslars Geschichte zu erfahren, und dabei blendend unterhalten zu werden. Es geht um Bildung, soziale Gerechtigkeit, Bedeutung von Hierarchien, Fragen der Macht. Da werden Luthers Kampf für bessere Schulen und der gewaltsame Streit um die Wahrheit thematisiert, es geht um „Geschichtsklitterung“ im historischen Rathaus, um „Luther-Bashing“, gefährliche Dienstreisen oder den „Zoff in Goslars Bildungselite“ – schon die Überschriften regen zum Lesen an. „Ich habe versucht, in jedem Artikel etwas Neues zu bringen“, verrät Liersch seinen Ehrgeiz. Der Autor nahm alte Bezüge aus den GZ-Artikeln heraus, fügte neue Bilder hinzu, überarbeitete alles und machte ein attraktives Buch mit 120 Seiten daraus.

Das Titelfoto zeigt Prof. Ulrich Bubenheimer, mit dem Liersch bei gemeinsamen Studien in Goslars Marktkirchenbibliothek viele neue Fakten über die Reformation ans Tageslicht brachte. Bubenheimers „kriminalistischer Spürsinn“ steckte ihn an. Das Buch ist für 14 Euro in allen GZ-Geschäftsstellen und im Goslarer Buchhandel erhältlich.

 

Zoff unter Aposteln!

Gedanken zum 12. Sonntag nach Trinitatis

In vielen Kirchen sind sie zu sehen, die beiden Herren. Auf der Briefmarke aus Liechtenstein stehen sie eng beieinander. Meist aber stehen sie in weitem Abstand voneinander, der eine links, der andere rechts. Man könnte meinen, sie hätten heute noch etwas gegeneinander. Petrus und Paulus. Petrus trägt meist das Buch in der einen Hand – und die Schlüssel in der anderen. So als wolle er sagen: Nur ich öffne die Tür zum Glauben und zum Himmelreich! Paulus zeigt dem Petrus das Schwert als wollte er sagen: Nur ich führe das Schwert des Geistes, nur ich kenne die Wahrheit! „Zoff unter Aposteln!“ weiterlesen

Neue Seinsweise statt Optimierung

Taufe und Lebenssinn – Gedanken zum 8. Sonntag nach Trinitatis

„Ich muss menschlich davon reden um der Schwachheit eures Fleisches willen: wie ihr eure Glieder hingegeben hattet an den Dienst der Unreinheit und Ungerechtigkeit zu immer neuer Ungerechtigkeit, so gebt nun eure Glieder hin an den Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden. Denn als ihr Knechte der Sünde wart, da wart ihr frei von der Gerechtigkeit. Was hattet ihr nun damals für Frucht? Solche, deren ihr euch jetzt schämt; denn das Ende derselben ist der Tod. Nun aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, dass ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben. Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.“ Römer 6,19-23

Paulus erörtert die Frage, worin sich das Leben eines getauften Christen von dem eines Ungetauften eigentlich unterscheidet. Eine aktuelle Frage im Rom des 1. Jahrhunderts! Die Gemeindeglieder wollten wissen: Welche Konsequenzen hat es denn, dass wir vor Gott gerecht gesprochen sind? Was hat das denn mit unserem alltäglichen Leben zu tun?

Angesichts der Tatsache, dass Mitgliedschaft in der Kirche nicht mehr selbstverständlich ist, stellt sich diese Frage auch heute, wenn auch unter veränderten Bedingungen. War seinerzeit der christliche Glaube eine neue Erscheinung, so steht er heute trotz seiner viele Jahrhunderte alten Verwurzelung vor einer neuen Bewährungsprobe. Die Gefahr ist freilich damals wie heute, das Christsein in moralischen Kategorien zu beschreiben. Also: den vielen Lebensrezepten ein weiteres hinzuzufügen. Noch einmal: tu dieses, lass jenes; wenn/dann …

Tragen solche Lebensrezepte wirklich? Ein Blick in die Menschheitsgeschichte muss skeptisch machen. Solange wir in der Welt leben, müssen wir auch mit Unsicherheit und mit Unerklärlichem leben. Die Geschichte der Menschheit sollte uns davor gefeit machen, Ideologien zu vertrauen, die das Ganze in den Griff bekommen wollen. Der Mensch ist zum Guten nur sehr begrenzt fähig. Er wird beherrscht – in jedem Fall. Entscheidend ist nur, von wem. Davon schreibt der Apostel Paulus in recht kompakter und schwieriger Sprache.
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Gedanken zum Johannistag

Im Matthäusevangelium steht im 11. Kapitel ein interessanter Text mit der spannenden Frage: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“

„Als Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Jesus antwortete und sprach zu ihnen: „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tore stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“

Jesus soll sich ausweisen. Gelegentlich werden wir ja auch mal so angesprochen. Etwa, wenn wir eine ferne Grenze überqueren: „Würden Sie sich bitte ausweisen?“ Oder bei einer Polizeikontrolle: „Darf ich bitte mal Ihren Ausweis sehen?“

Von einem jungen Mann wird folgendes erzählt: Er machte in Frankreich Urlaub und verlor seinen Personalausweis. Er rief seine Mutter an, sie solle ihm den Pass schicken, damit er sich auf der Rückfahrt ausweisen könne. Die Mutter schickte nun den Ausweis an das angegebene Postamt, wo er einige Tage später eintraf. Der junge Mann ging zur Post und fragte den Schalterbeamten, ob etwas unter seinem Namen angekommen sei. ´Ja`, sagte der Mann, aber würden Sie sich bitte ausweisen?´

Eine verzwickte Sache! Er soll sich ausweisen. Aber das kann er nur, wenn ihm der Ausweis gegeben wird. Ausweglos, wie es scheint.

„Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ So lässt Johannes Jesus fragen. „Kannst Du Dich ausweisen?“ Verständlich, dass Johannes so fragt. Er hat sein ganzes Leben darauf eingestellt, dass er den Messias sieht. Er hofft auf Erlösung. Er wartet. Seit Jahren schon lebt er in der Wüste, lebt ganz kärglich und hofft darauf, dass seine Ausdauer belohnt wird. Die Zeit geht ins Land, nichts passiert. Dann kommt Jesus zu ihm, hinunter an den Jordan – und lässt sich von ihm taufen. Ein Lichtblick – aber noch nicht die Erlösung. Johannes wird festgenommen und ins Gefängnis geworfen. Alles andere als Erlösung! „Gedanken zum Johannistag“ weiterlesen

Trinität: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…

Jedem Christen – und auch wohl den meisten nicht getauften Menschen – ist die Formel „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ geläufig. Praktisch jeder Gottesdienst beginnt mit diesen Worten („Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“); das apostolische Glaubensbekenntnis fasst den christlichen Glauben in trinitarischer Form zusammen („Ich glaube an… an … an…), ebenso tut es das nicänische Glaubensbekenntnis, das die evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirchen in gleicher Weise verwenden; eine Taufe ohne Bezug auf die Trinität ist nicht gültig; viele Gottesdienste enden mit dem trinitarischen Segen („Es segne Dich … Vater … Sohn … Heiliger Geist“).

Was ist an dieser Trinität eigentlich so wichtig? Oder ist sie vielleicht sogar entbehrlich? Obwohl die Formel so vertraut ist, wirkt sie unverständlich und abstrakt. Im Gespräch mit Juden und mit Moslems bringt sie uns gar in große Verlegenheit: Sind wir Christen wirklich zu den Monotheisten zu zählen? Oder haben wir „drei Götter“?! Im interreligiösen Gespräch gelingt es kaum, die Sinnhaftigkeit und Zusammengehörigkeit von „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ zu erklären. Bei multireligiösen Feiern wird die Formel oft vermieden, weil sie als anstößig gilt. Muslime verstehen „Sohn Gottes“ als eine Bezeichnung für die leibliche Herkunft Jesu und assoziieren dabei altarabische Vorstellungen von Götterfamilien (Sure 53,19ff); dagegen hat sich der Prophet Mohammed gewendet (Sure 19,88-95). Auch die Vorstellung von Maria als „Mutter Gottes“ ist für den Koran ein Verrat an dem einen Gott. Der Koran verteidigt Jesus gegen den Vorwurf, er selber habe solchen „Irrglauben“ hervorgerufen (Sure 5,116)! „Trinität: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ weiterlesen

Schon und noch nicht

Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten

Predigt zum Sonntag Exaudi,

Johannes 14, 15-19

„Schon“ und „noch nicht“, liebe Gemeinde, darum geht es heute. „Schon“ und „noch nicht“. Pfingsten ist schon gewesen, damals. Aber – es ist noch nicht Pfingsten – wir warten auf Pfingsten. Wir warten auf etwas, das wir „eigentlich“ schon haben. „Geist Gottes“; er ist mitten unter uns, in uns, so wird uns gesagt. Wir warten und hoffen… Schon – und noch nicht …

Das ist das Thema des heutigen Sonntags. „Exaudi“ heißt er, „höre“ – und das ist ein Gebetsruf: „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe“ – aus Psalm 27, der diesem Sonntag den Namen gegeben hat. Obwohl wir gewiss sind, dass Gottes Geist uns nahe ist, bitten wir immer neu um ihn.

Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten… das sind zum einen historische Daten: damals im Jahre 30 oder 33 in Jerusalem. Jesus war auferstanden, hatte sich in vielfacher Weise den Seinen gezeigt – 40 Tage lang – … und dann wurde er vor ihren Augen weggenommen. „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“, hatte Jesus gesagt (Apg. 1,8). Und sie warteten … Ein historisches Datum: das Warten auf Pfingsten in Jerusalem damals …

Es ist aber auch ein symbolisches Datum: es sagt etwas über unsere Situation.

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Stein des Zweifels

Ich erinnere euch an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr´s festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tag nach der Schrift.

  1. Korintherbrief 15, 1-4

Ohne Ostern gäbe es keine christliche Kirche! Die Geschichte hätte einen anderen Lauf genommen! Paulus ist davon überzeugt. Für ihn hängt alles an der Auferstehung. Ist Christus nicht auferstanden, so schleudert er den Kritikern entgegen, dann ist alle Predigt vergeblich. Er hält das Osterereignis für sicher überliefert, und es ist für ihn die Grundlage allen Glaubens. Diese starken Worte haben es heute schwer, gehört zu werden. Längst ist Ostern im öffentlichen Bewusstsein seines zentralen Inhaltes beraubt. Allenfalls wird das Empfinden des allgemeinen Werdens und Vergehens angesprochen – schließlich ist Frühling. Ansonsten dominieren Hasen und Eier. Kritiker der Überlieferung tun ein Übriges: sie „entlarven“ die Erscheinungen des Auferstandenen als subjektive Einbildungen. Wer wälzt diese vielen „Steine“ beiseite? Den Stein des Zweifels, den Stein der Destruktion, den Stein des Unglaubens?

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Ostersamstag?

Wie heißt er nun richtig, der Tag heute? Ostersamstag? Aber Ostern ist doch erst morgen! Und dann folgen Ostermontag, Osterdienstag – und schließlich Ostersamstag. Und wie heißt dann der Tag heute?

Natürlich wissen Sie die Antwort: Karsamstag. Aber wissen Sie auch, warum so viele den Tag heute „Ostersamstag“ nennen? Und warum die vergangenen Wochen „Osterzeit“ genannt werden – obwohl das falsch ist? Ich weiß es nicht. Aber ich habe eine Vermutung. Ostern ist ein schönes Fest. Das Wetter ist meist frühlingshaft. Es gibt schmackhafte Süßigkeiten in Form von Hasen und Eiern. Ferien gibt es, freie Tage, Urlaubsreisen. Deswegen wohl wird gern vor Ostern „Ostern“ gefeiert.

„Passionszeit“ – das klingt dagegen düster. Leiden. Keine Feiern. Konfirmationen sollen nicht stattfinden. Einige Leute fasten und in manchen Kirchen werden in der Karwoche die Bilder verhängt: „Augenfasten“. Man könnte denken, die Kirchen seien Spielverderber. Sie halten fest an der alten Reihenfolge. Ostern wird erst gefeiert, wenn Jesus auferstanden ist. Am Karsamstag ist das noch nicht der Fall. Da liegt er im Grab. Und wir warten gespannt darauf, ob Gott Macht über den Tod hat. Die Antwort gibt es morgen.

Einfach so tun, als sei immer Ostern: das blendet die Leidenden aus. Und das wollen wir nicht. Darum: Karsamstag.