150 Jahre Braunschweigische Landessynode

Vor 24 Jahren:

Auf dem Weg zu Reformen in der Landeskirche 

– Einführung in das Gesamtthema –

Herr Präsident, liebe Mitsynodale, meine Damen und Herren!

  1. Wir haben in diesen Tagen etwas sehr Wichtiges vor! Gemeinsam wollen wir uns bemühen, Reformen in Gang zu bringen. Anlaß dazu gibt es genug. Das Ansehen der Kirche in der Öffentlichkeit schwindet merklich. Die Mitgliedschaft in der Kirche wird zunehmend zur Disposition gestellt. Die Kirche ist in Konkurrenz geraten zu anderen Anbietern von Wertorientierung und zu anderen finanziellen Prioritäten. Wir stehen also unter einem erheblichen Druck von außen.

Die Impulse zur Reform kommen aber auch von innen heraus. Wo stehen wir? Wo gehören wir hin? Wie nehmen wir unsere Weltverantwortung wahr? Wie gehen wir mit Unzufriedenheit und Resignation in den eigenen Reihen um? Diesen Fragen müssen und wollen wir uns stellen.

  1. Diese Landessynode hat sich von Anfang an in vielen ihrer Mitglieder als Sprachrohr der Basis verstanden. Sorgen und Klagen aus den Gemeinden wurden aufgenommen. Vieles ist auf den Tisch gekommen, manches in guter Weise auf den Weg gebracht worden. Aber mit grundlegenden Eingriffen haben wir uns schwer getan. Ein erster Versuch Anfang 1992 während einer Klausurtagung in Bad Gandersheim ging schief. Zu vielfältig und erdrückend erschienen seinerzeit die Klagen; zu unterentwickelt andererseits wirkte die Bereitschaft, die Anliegen wahrzunehmen und in Reformen umzusetzen.
  1. Dennoch kam es Ende 1993 zu dem Beschluß, sich auf den Weg zu Reformen in der Landeskirche zu machen. 1994 hindurch arbeitete die Reformkommission unter der Leitung des Synodenpräsidenten. Diese Kommission ließ einen Fragebogen erarbeiten und diesen in eine breite kirchliche Öffentlichkeit verschicken. Der Rücklauf war mit 170 – zum Teil sehr ausführlichen – Einsendungen überraschend lebhaft. Der Reformwille der Landeskirche wurde durchgehend begrüßt. Über Einzelheiten werden anschließend Frau Biersack und Frau Block-von Schwartz berichten. Es liegt jedenfalls – wie der Mitsynodale Schliepack salopp formulierte – ein „Bauchschmerzenkatalog“ vor, und damit Anlaß genug, sich der Patientin anzunehmen.
  1. Der Gemeindeausschuß hatte ab Januar 1995 die Aufgabe, die heute beginnende Synodaltagung zu strukturieren. Wir haben dabei den Ansatz der Reformkommission konsequent fortgesetzt und im wesentlichen zwei Dinge getan:

– Wir haben versucht, die 170 Antworten so zu verdichten, daß die Haupt-Problemfelder deutlich werden. Daraus ergaben sich die Themenstellungen der sechs Arbeitsgruppen, die morgen vormittag ihre Arbeit aufnehmen werden. Es wurde also sehr ernst genommen, was uns mitgeteilt wurde. Dennoch: nicht alles wird explizit aufgenommen werden können. Dafür bitten wir schon jetzt um Nachsicht.

– Wir haben die Ausschüsse und die Verfassungsorgane gebeten, die vorliegenden Anregungen und Anträge bereits vor dieser Synode zu beraten, so daß im günstigsten Fall hier schon darüber abschließend beraten werden oder zumindest eine Tendenz beschlossen werden kann.

  1. Lassen Sie mich der Vollständigkeit halber auch dieses sagen: es wurde im Vorlauf zu dieser Synode keine Firma von außen konsultiert, um eine wissenschaftlich fundierte Bestandsaufnahme und um Strukturvorschläge zu machen. Auch ist niemand für die Vorbereitung freigestellt oder zusätzlich eingestellt worden. Darüber kann man sehr verschiedener Meinung sein. Mir ist aber wichtig, daß Sie wissen: die Vorbereitungen sind in weiten Teilen das Ergebnis ehrenamtlicher Arbeit für unsere Kirche. Bei der Bewertung der 170 Einsendungen ist sicher auch zu bedenken, daß es sich überwiegend um eine Binnensicht von Kirche handelt. Dabei sollte aber nicht unterschätzt werden, daß viele Einsenderinnen und Einsender ihre Erfahrungen mit Außenstehenden wiedergeben.
  1. Kirchenreform! Viele sind skeptisch, ob ein solches Unternehmen überhaupt gelingen kann. Man ist in Gefahr, sich da zu überheben. Die Ansätze der 70er-Jahre sind weitgehend ohne Folgen geblieben. Deutlich steht mir die Warnung von Karl-Fritz Daiber vor Augen. Er schreibt: „Es ist schlechterdings unmöglich, Kirchengebilde wie die deutschen Landeskirchen konzeptionell gesteuert in andere Gestalten von Kirche zu überführen“ (Pastoraltheologie 1989, S. 380). Manche überhöhen diese Erkenntnis theologisch und behaupten, Reform sei überhaupt eine Sache des Heiligen Geistes; sie ereigne sich und lasse sich nicht durch Nachdenken und Organisation bewerkstelligen. Richtig ist daran, daß viele Veränderungen in der Geschichte ungeplant verlaufen und im Nachhinein als Wirkungen des Heiligen Geistes interpretiert worden sind.

Diese Sicht verkennt allerdings die geschichtlichen Bedingungen, unter denen Kirche jeweils ihre äußere Gestalt geändert hat. Wir müssen uns heute schon die Frage gefallen lassen, ob „Landeskirchentum“ wirklich „Volkskirche“ sein kann – oder ob Landeskirchentum nicht immer etwas von einer obrigkeitlichen Kirche behält, freilich mit einem längst entfallenen landesherrlichen Überbau (vgl. Götz Harbsmeier, Anstöße, S. 352). Auf diesem Hintergrund erscheinen manche Forderungen sehr plausibel, etwa die, Ämter auf Zeit zu vergeben, Befugnisse nach „unten“ zu verlagern und Verwaltung zu dezentralisieren.

  1. Lassen Sie mich einen weiteren Einwand gegen die Reformbemühungen wenigstens streifen. Er lautet: ihr macht das doch nur, weil das Geld knapper wird. Richtig an diesem Einwurf ist, daß im Gegensatz zu den 60er- / 70er-Jahren heute auch die sich verschlechternde Finanzlage zum Handeln zwingt. Damals waren es vor allem die sich leerenden Gotteshäuser. Vielleicht trifft – oder traf?! – für unsere Kirche das Sprichwort zu, daß ein voller Magen nicht gern studiert. Möglich, daß die erwähnten Bauchschmerzen durch Übersättigung hervorgerufen sind. Unsere Strukturen wurden schließlich in reicher Zeit festgelegt. Im übrigen sind wir hier in der Braunschweigischen Landeskirche in der guten Lage, nicht mit dem finanziellen Rasenmäher reformieren zu müssen – nach dem Motto: „überall 10% weg“. Noch haben wir die Chance, steuernd einzugreifen.

Aber das ist es nicht allein. Reform gehört zu den ständigen Aufgaben von Kirche (ecclesia semper reformanda) – und diese Aufgabe ist auch in der Verfassung festgeschrieben. Übrigens ist die Verpflichtung, sich um Reformen zu kümmern, dort am Bischofsamt festgemacht. Dankbar nehmen wir zur Kenntnis, daß von dort bereits Reformthesen vorliegen, des weiteren ein Buch über Kooperationsmodelle in unserer Landeskirche – und die Bereitschaft des Herrn Landesbischof, nachher hier das Hauptreferat zu halten.

  1. Wichtig ist, daß wir auch folgendes sehen: Wir sind als Braunschweigische Landeskirche nicht allein auf dem Weg. Praktisch alle Kirchen, auch die anderer Konfession, ringen heute um Orientierung und suchen Wege zu den Menschen. Das zu erkennen, kann einerseits die Last noch verstärken: die anderen sind auch ratlos … Andererseits kann diese Erkenntnis aber auch manche Diskussion entkrampfen. Allzu oft haben wir in den letzten Jahren so getan, als müsse nur die eine oder der andere sich anders verhalten (die Pfarrerinnen und Pfarrer, die Kirchenvorstände, das LKA usw.) – und schon sei alles in Ordnung.

So sehr es auch auf jede einzelne Person ankommt, wird haben es mit einem unsere Region weit übergreifenden Phänomen zu tun. Kleinkarierte Besserwisserei und unfreundliche Schuldzuweisungen sind also fehl am Platze. Wer sich die Welt gar zu einfach erklärt, kann nicht auf Gehör hoffen. „Unsere Gesellschaft ist mobil und pluralistisch, multikulturell und multireligiös. Traditionen werden wie Konsumgüter behandelt, die zur Wahl angeboten werden“ (Auftrag und Aufgabe der Kirche; Kirchenkreis Stormarn, Leitsatz 4). Der damit verbundenen Herausforderung müssen wir uns stellen; billiger ist es nicht zu haben.

  1. Daß es so gekommen ist, sollte uns auch nicht wundern. Hinter uns liegen in unserer Region 50 Jahre des Friedens, des Aufbaus und des Wohlstandes für viele. Dieses halbe Jahrhundert hat eine Mentalität der „Machbarkeit“ gefördert und eine Verherrlichung der eigenen Leistung. Verblaßt ist demgegenüber die Not-Wendigkeit der Frohen Botschaft. Dazu kam die Epochenwende 1989. Und schließlich liegen organisierte Reformbemühungen bald 25 Jahre zurück. Es ist also Zeit!

Wir stehen neu vor der Aufgabe zu sagen, wie Kirche als Teil dieser Welt heute auszusehen hat und wo sie ihr Licht in besonderer Weise leuchten lassen soll. Das ist eine geistliche Aufgabe! Sie wächst uns letztlich nicht durch äußeren Druck oder durch Ängstlichkeit zu. Sie ist uns geschenkt und sie steht unter der Verheißung Jesu Christi: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ (Matthäus 28,20).

  1. Sich auf den Weg zu Reformen machen, da ist also eine verheißungsvolle und fröhliche Sache. Das will aber keineswegs heißen, daß sie ins Belieben Einzelner gestellt ist. Viele in unserer Kirche scheinen den Druck zur Veränderung noch nicht zu spüren – geschweige denn die geistliche Verpflichtung dazu. Noch glauben viele, ohne Kooperation auszukommen. Noch glaubt man sich sträuben zu können gegen das Zusammenlegen von Ressourcen, noch glauben viele, auf die Eigenverantwortlichkeit von ehrenamtlich wirkenden Christinnen und Christen verzichten zu können. Es gibt einen erheblichen Bedarf, für dies alles ein waches Bewußtsein zu schaffen.
  1. Daher mein Wunsch, auch namens des Gemeindeausschusses: diese Landessynode hat viele Empfehlungen, Hinweise und Bitten verabschiedet. Vieles davon ist aufgegriffen worden, vieles aber ist auch versickert. Kirchengemeinden, Verwaltungen, Ämter und Dienste sind häufig in quälender Weise mit sich selber beschäftigt. Es entsteht der Eindruck einer in sich selber verkrümmten und mit sich selber beschäftigten Kirche – bis hin zu unevangelischer Eitelkeit. Diese Synode wäre gelungen – und das ist der Wunsch – , wenn mehr als unverbindliche Empfehlungen dabei herauskämen. Vorgaben müßten es sein, die Bereitwillige ermutigen. Reform „von oben“ ist ja nicht angestrebt – sie müßte auch scheitern. Diese Synode versteht sich ja auch nicht in diesem Sinn als „oben“, sondern als der Basis verpflichtet. Worum wir uns in den kommenden Tagen bemühen, das ist: Willensbildungsprozesse in Gang setzen. Pilotprojekte müßten beschlossen werden und die rechtlichen Voraussetzungen dafür in Aussicht gestellt werden. Unwillige aber müßten auch einmal genötigt werden, die eigene Arbeit kritisch zu beleuchten und über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Wieder meine ich damit Gemeinden, Verwaltungen, Dienste … Vieles könnte längst passiert sein!
  1. Allerdings sind wir uns bei der Vorbereitung auch einig gewesen: „Schnellschüsse“ dürfen es nicht sein – dazu ist die Vorarbeit in den Ausschüssen nicht weit genug gediehen -. Sondern: die richtigen Fragen sollen gestellt werden, die Richtung muß aufgezeigt und zur Weiterarbeit muß ermutigt werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Bereitschaft, sich mit auf den Weg zu machen und wünsche uns allen dazu Gottes Segen!

Helmut Liersch

  1. Mai 1995; 26. Tagung der VIII. Landessynode

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